Die „Corona-Krise“ als Brennglas für regionale Disparitäten und soziale Spannungen

Dass die „Corona-Krise“ nicht nur eine Gesundheitskrise, sondern auch eine Wirtschafts-, Sozial und Politikkrise ist, stellte sich sehr bald heraus. Die Auswirkungen treffen Länder, Regionen und Menschen nicht gleichförmig. Eine zunächst wenig beachtete Gruppe in diesem Diskurs sind Beschäftigte des sekundären Sektors. Die folgende kleine ethnografische Skizze verweist auf die besondere Problematik in alt-industriellen Regionen und den darin lebenden Menschen, die nicht erst seit der Corona-Krise gesellschaftlich zunehmend an den Rand gedrängt werden.

Die „Corona-Krise“, die zunächst als Gesundheitskrise ihren Ausgang nahm, zog sofort weite Kreise in viele gesellschaftliche Bereiche, und legt sich nun als Brennglas auf bereits existierende gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und soziale Spannungen. Um bei der naturwissenschaftlichen Metapher zu bleiben: der Gouverneur der österreichischen Nationalbank hatte bereits zu Beginn der Krise am 18. März in zweifelhafter Tonalität von „Reinigungskräften“, die im Bereich der Wirtschaft freigesetzt werden, gesprochen: nur „überlebensfähige Firmen“ würden jetzt „überleben“ (Interview, Der Standard, 18.3.2020). Wenngleich die Wortwahl merkwürdig anmutet, deutet dennoch auch diese Bemerkung an: die Corona-Krise wird für unterschiedliche Regionen und Unternehmen unterschiedlich schwer verlaufen – und dabei werden die bereits bestehenden Probleme ausschlaggebend sein, und nicht in erster Linie unmittelbar auf die Pandemie zurückzuführende Schwierigkeiten.

„Metallhütte“*, Ruhrgebiet, Elsass-Lothringen oder South Wales? Europäische Industrieregionen in der Krise

Die folgende Mikrostudie betrachtet eine alt-industrielle Region, irgendwo in Europa, und folgt einer ethnografischen Skizze, die sich aus Beobachtungen, Gesprächen, Analyse regionaler Medien, amtlicher statistischer Daten und Dokumentenanalyse aus den Unternehmen – so weit zugänglich – speist. Wir wollen die Region im Folgenden „Metallhütte“ nennen, und sie weist Charakteristika auf, wie sie wohl auf viele ähnliche alte Industriegebiete in Europa zutreffen. Die größten Arbeitgeber der Region befinden sich im Bereich der metallverarbeitenden Industrie, rechnet man Festangestellte und ein riesiges Arsenal an Leiharbeitskräften zusammen. Die Metallverarbeitung hat hier eine lange Historie, die Fabriken, an den Flüssen und in der Nähe zu den Abbaugebieten gelegen, prägten die Region immer schon. Der damalige Standortvorteil in der Nähe zu Rohstoffen und Ressourcen hat sich mittlerweile relativiert: die Rohstoffe kommen aus der ganzen Welt, und die Transportwege in unsere Musterregion „Metallhütte“ sind aufgrund enger Bergtäler langwierig. Die Globalisierung hat zu einer Ausweitung der Unternehmensstandorte, Filialen und Tochterfirmen rund um den Globus geführt, und in der Region selbst existieren nur mehr verhältnismäßig kleine Betriebe. Die Region zittert in dieser Krise einmal mehr um den Erhalt ihrer Betriebe. Die Bevölkerungszahl ist ohnehin schon stark rückläufig: besonders junge Frauen verlassen die Region für ihre Ausbildung, gehen in die Stadt und kommen nicht mehr zurück.

*Anmerkung: Zum Schutz der Auskunftspersonen wird die Region hier nur anonymisiert dargestellt

Die Semantik und die Optik der Krise

Der produzierende Bereich ist stark männlich geprägt, und im Zuge der „Corona-Krise“ wurde in vielen Unternehmen des sekundären Sektors in „Metallhütte“ fast durchgängig weitergearbeitet. Während im ganzen Land der „shut down“ zu gespenstischer Stille führte, liefen Fließbänder und Maschinen weiter (orf.at, „Die vergessenen Hackler“, abgerufen am 16.4.2020). Doch auch innerhalb der Betriebe gab es Unterschiede: während am Fließband weitergearbeitet wurde, ging die Verwaltung ins „home office“. Mit ihr gingen aber auch der gesamte Betriebsrat und die Unternehmensführung, und zurück blieben die Arbeiter in den Fabriken, die zu Beginn der Krise keine entsprechenden Schutzmaßnahmen und Schutzmittel erhielten. Die Stimmung war aufgeheizt, der Ruf nach dem Betriebsrat laut. Während der Hochofen lief, hatten die Arbeiter sinnbildlich das Gefühl „verheizt“ zu werden, und Videonachrichten der Unternehmensführung aus der „feinen“ Distanz machten die Lage nicht besser. Mit ‚seltsam‘ ist das Gefühl, das entsteht, wenn der Geschäftsführer bei der Videoansprache um 11 Uhr aus dem „home office“ sich erst einmal ausgiebig streckt, während die Frühschicht bereits seit 5 Uhr an den Maschinen steht, wohlwollend umschrieben.

Auch die Kommunikation via Piktogrammen bewirkte eine seltsame, unnahbare Distanz: Piktogramme vermittelten die Wichtigkeit einen Meter Abstand auch am Arbeitsplatz zu halten, Piktogramme verwiesen auf psychologische Beratungsangebote von Kooperationsfirmen u.v.m.. Gerade in dieser Zeit hätte jedoch das persönliche Gespräch als Zeichen zur Reduktion von Unsicherheit so viel bewirken können. Beschwörungen (per Brief und Aushängen), dass alle im Betrieb eine „Familie“ seien, und in dieser schweren Zeit zusammenhalten müssten, verhallten unter diesen Rahmenbedingungen selbstredend ins Leere. Zur großen „Lachnummer“ wurde auch ein Ausweis, den fortan alle in ihren Fahrzeugen auf dem Weg an den Arbeitsplatz mit sich führten: „Schlüsselarbeitskraft mit dringendem Bedarf für die Wirtschaft“, war darauf vermerkt. „Die ganze Zeit kümmert sich niemand, und jetzt sind wir ‚Schlüsselarbeitskräfte‘?!?“, blieb der der höhnische Tenor nicht lange aus.

In der Krise sind alle gleich, aber manche sind gleicher?

Während die Zulieferung früher aus den Abbaugebieten in der Umgebung erfolgte, wird der Rohstoffbedarf heute am Weltmarkt gedeckt. Entsprechend fehlten in einigen Betrieben nach und nach die Rohstoffe und es wurde in das Modell der Kurzarbeit gewechselt. Erneut stieg die Unsicherheit (vgl. auch das Austrian Corona Panel Project der Universität Wien zur geringen Zufriedenheit bei Kurzarbeit und Urlaubsabbau): erst Urlaubs- und Überstundenabbau, dann Kurzarbeit, dann Arbeitslosigkeit? Berichte über den Missbrauch des Kurzarbeitsmodells in Unternehmen feuerten die Gerüchteküche – so es denn Gerüchte waren, bzw. sind – weiter an. Das scheint wenig verwunderlich, mit Blick auf die „vertrauensbildenden Maßnahmen“, die die Unternehmensleitungen bis dahin ergriffen hatten.

Das Bild, das die Politik in den Medien zeichnet, und die vielen Kampagnen zum „Zusammenhalt gerade jetzt“, suggerieren, dass alle im selben Boot sitzen. Doch während Woche um Woche im „home office“ für die LeserInnen und SchreiberInnen dieses Blogs vergehen, sind in der Zwischenzeit viele Menschen weiter in ihre Fabriken gegangen, und können sich vermutlich dieses Jahr keinen frei eingeteilten Urlaub mehr nehmen, da sie gerade in Zwangsurlaub sind – wenn es denn überhaupt weitergeht in den Unternehmen nach der Krise.

No man is an island – wie relative Deprivation in Krisensituationen an Bedeutung gewinnt

Wie die „Corona-Krise“ und die begleitenden Maßnahmen im Rückblick einmal beurteilt werden, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Wofür der Nimbus des „Feuerlöschens einer Gesundheitskrise“ in der nächsten Zeit noch alles herhalten muss, bleibt abzuwarten. Sicher scheint jedoch, dass die sozialen Spannungen und regionalen Disparitäten in der Zwischenzeit enorm gestiegen sein werden. Das Konzept der „relativen Deprivation“ beschreibt eben dieses Vergleichsmoment sehr gut (Merton/Kitt 1950): dieser Beitrag verhandelt nicht die tatsächliche oder vermeintliche Bedrohung durch „Corona“, und nimmt auch keine profunde Beurteilung der wirtschaftlichen Lage der angesprochenen Unternehmen vor. Beschrieben wurden Momente des sozialen Vergleichs in einer gar nicht gleichen Gesellschaft, denen die Rhetorik eines vermeintlichen Zusammenhaltens entgegensteht.

Die Region „Metallhütte“ könnte irgendwo in Europa sein. Hier gilt: nach der Krise ist vor der Krise. Gesellschaftliche Spannungen haben sich in jüngster Vergangenheit auch stark an Stadt-Land-Disparitäten entzündet, denkt man zum Beispiel an die Ergebnisse der letzten Präsidentschaftswahl in Frankreich. Mehr denn je sollte nach der Krise ein Augenmerk auf diese regionalen Disparitäten gelegt werden – die Parallelen in verschiedenen europäischen Regionen sind erschreckend, und es wird Zeit, „lessons learned“ daraus zu formulieren und umzusetzen. Keine guten Zeiten, nicht nur für Europas alte Industrieregionen.

 

Nationalbankchef: „Sicherstellen, dass nur überlebensfähige Firmen überleben“, Interview mit Robert Holzmann am 18.3.2020, Der Standard, https://www.derstandard.at/story/2000115851717/nationalbankchef-holzmann-sicherstellen-dass-nur-die-ueberlebensfaehigen-firmen-ueberleben, abgerufen am 23.4.2020

„Die vergessenen Hackler“, https://orf.at/stories/3160104/, erschienen am 6.4.2020, abgerufen am 16.4.2020

Sozialpsychologische Auswirkungen der Corona-Krise auf verschiedene Erwerbsgruppen, Austrian Corona Panel Project, Universität Wien, https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog08/ , abgerufen am 19.4.2020

„AK kritisiert Missbrauch bei Kurzarbeit durch Firmen“, https://orf.at/stories/3161375/, erschienen am 10.4.2020, abgerufen am 23.4.

Merton, R., Kitt, A. (1950). Contributions to the theory of reference group behavior. In R. Merton, & P. Lazarsfeld (Hg.), Continuities in social research. Studies in the scope and method of “The American Soldier” (pp. 40–105). Glencoe: The Free Press.